2. Arbeitsmaterial der Symbolarbeit

 

2.1. Was kann zum Symbol werden?

 

„Bei einem Symbol kann es sich zunächst um einen ganz alltäglichen Gegenstand handeln, der sinnlich wahrnehmbar ist, der aber darüber hinaus auf Hintergründiges verweist ...“ (Kast 1990). Demnach kann alles und jedes zum Symbol werden, wenn es von einem Menschen mit  Emotionen besetzt wird. Das haben bereits die Beispiele gezeigt, von denen wir berichtet haben: ein Spiegel vom Flohmarkt, Steine, Dekorationsstücke aus einem Regal, der Geschmack der in Tee getauchten „Madeleine“ und der Geruch der Gänse.

Wenn man bei der Arbeit mit Symbolen auch den Therapieraum und seine Einrichtung in die Auswahlmöglichkeit einbezieht, wird man schnell feststellen, dass im Grunde jeder Gegenstand als Symbol gewählt werden kenn. Ein reichblühender Kaktus, der im Therapieraum steht, wurde so zum Symbol für eine Beziehung, die sowohl durch eine Fülle verletzender Stacheln und blühender Seiten gekennzeichnet ist. Eine Leiter, die zur Galerie im Gruppenraum führt, wurde für einen anderen Patienten zum Sinnbild  seines ihn bedrängenden Leistungsstrebens: „immer höher hinauf“, eine Rasierklinge, die von der Reinigung der Fenster nach Malerarbeiten liegen geblieben war, wurde zum Symbol der schneidenden Atmosphäre in einer Partnerschaft. 

 

 

2.2. Welche Arten von Symbolen unterscheiden wir?

 

Wer mit Symbolen umgeht, bzw. arbeitet, wird bemerken, dass sich bei ihm auch spontan Assoziationen einstellen, wenn er die von den Patienten und Patientinnen ausgewählten Bilder und Gegenstände sieht. Zunächst ist die Übereinstimmung der Gefühle überraschend, aber bald spürt man doch, dass man auf die Unterschiede achten und genau auf die Interpretationen des einzelnen hören muss. Hilfreich ist die Unterscheidung von Fromm (1996), der von universalen Symbolen spricht, die allen Menschen gemeinsam sind, weil sie in ihrer Entwicklung gleiche Erfahrungen gemacht haben und diese Erfahrungen und Gefühle mit den gleichen Bildern verknüpfen. Bei diesen Symbolen  besteht zwischen Symbol und Symbolisiertem ein innerer Zusammenhang.  Bei unseren Beispielen wären Spiegel und Leiter als universale Symbole zu verstehen: der Spiegel dient der Selbstbespiegelung, die Leiter wird zur Erfolgsleiter. Da die universalen Symbole aber für jeden Einzelnen darüber hinaus individuell geprägt sind, verstehen wir ihren Sinn nicht, wenn wir nur mit unseren eigenen Assoziationen arbeiten, mit allgemeinen Gleichsetzungen oder in einem Handwörterbuch zum Symbolverständnis nach einer festgelegten Deutung suchen. Benedetti und Rauchfleisch[1] betonen, „dass die Subjektivität der Deutung im Erfassen des Symbols kein Minus ist, sondern die Kraft seines Wesens erst begründet". Dem steht nicht entgegen, dass man sich einen Überblick über die verschiedenen Deutungen bestimmter Symbole verschaffen kann, wie ihn z.B. Knaurs Lexikon der Symbole von Biedermann (1989)  ermöglicht. Beim Lesen der Artikel hatten wir eher den Eindruck, dass dadurch die Sensibilität für die Vielfalt von Symboldeutungen erhöht wird. Die folgende Zusammenfassung der von uns beobachteten „Besetzungen" bestimmter Gegenstände sollte deshalb auch nicht als Nachschlagewerk zum Symbolverständnis benutzt, sondern als ein Überblick über Erfahrungen mit Symbolen verstanden werden.

Wir haben auch festgestellt, dass die universalen Symbole nicht nur ambivalent, sondern mehrdeutig besetzt sein können.

 

Von Fromm werden diejenigen Symbole als „zufällige“ bezeichnet, die in einem persönlichen Erlebnis eines Menschen entstanden sind und von anderen Menschen nicht in gleicher Weise verstanden werden. Demnach wären die Steine in unserem Beispiel den zufälligen Symbolen zuzuordnen.

 

 

2.3. Ein „Symbolkoffer“ nach Liste? Kriterien für die Suche nach geeigneten Gegenständen

 

Da unter diesen Voraussetzungen die Anzahl der Dinge, die von Menschen symbolisch besetzt werden können, ins Unermessliche geht, erhebt sich natürlich die Frage, wie man eine angemessene Auswahl an Arbeitsmaterial zusammenstellt. Es wäre problematisch, wenn jeder Gegenstand und jedes Bild genau dem entsprechen müsste, was die Patientin oder der Patient in ihren Vorstellungen gespeichert haben. Aber schon Ähnlichkeiten oder Andeutungen sind geeignet, die entsprechenden Assoziationen und Erinnerungen hervorzurufen und festzuhalten: „das Bild von Queen Viktoria habe ich für meine Großmutter gewählt, obwohl sie so nicht aussah, aber sie verhielt sich ebenso wie die Queen als Herrscherin“ oder „ unser Haus sah ganz anders aus als das Photo, aber es hatte die gleiche Atmosphäre, die  ich mit dem Haus  hier verbinde“. Trotzdem kommt man nicht ohne eine gewisse „Reichhaltigkeit“ aus. Wir werden häufig von Therapeutinnen  und Therapeuten, die bei uns die Symbolarbeit kennen lernen und unsere reiche Sammlung an symbolträchtigen Gegenständen sehen, gefragt, ob wir nicht  eine Materialliste für eine Grundausstattung zusammenstellen könnten, mit der sich die Therapeuten einen Symbolkoffer einrichten könnten. Wir halten das nicht für sinnvoll, weil damit ein wichtiger Arbeitsschritt übergangen wird. Es ist ja nicht möglich, sich mit innerer Distanz der Gegenstände zu bedienen und nicht darauf zu achten, was sie bei uns selbst an Emotionen auslösen. Es geht darum, Gegenstände oder Bilder zunächst als Symbole des eigenen Erlebens zu verstehen bzw. auszuwählen. Wenn die Therapeuten den Prozess an sich selbst erlebt haben, können sie ihn bei den Patienten besser mit vollziehen, können sich empathisch auf „die Symbole der Patienten einlassen, Anteil an ihnen nehmen und sich von ihnen betreffen lassen“ (Kast 1996).

 

Trotzdem gibt es für den Aufbau einer eigenen Symbolsammlung bestimmte Kriterien:

·      Es müssen menschliche Grunderfahrungen symbolisch erfaßt werden können wie Freude und Traurigkeit, Verzweiflung und Glück, Angst, Mut und Aufbruchstimmung.

·      Menschen müssen in ihren Beziehungen, in ihrem privaten, beruflichen und sozialen Umfeld und in unterschiedlichen Lebenssituationen darstellbar sein.

·      Es müssen Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften charakterisierbar sein.

·      Die einzelnen Lebensphasen Kindheit, Adoleszenz, Erwachsensein und Alter sollen in ihrem Erlebensgehalt durch die Symbole transparent werden.

Es ist sinnvoll, nicht nur flaches Material, d.h. Photos und Karten zu verwenden, sondern auch mit dreidimensionalen Gegenständen zu arbeiten, die noch andere Sinnesbereiche ansprechen: außer dem Sehen auch Hören, Fühlen und Riechen. 

 

 

2.4. Woraus besteht unsere Sammlung?

 

Das Material, das wir gesammelt haben, besteht aus Kunstpostkarten, Photographien und einer Vielzahl anderer Gegenstände. Um alle Sinnesqualitäten ansprechen zu können, finden sich in der Auswahl auch Dinge, die man hören, fühlen oder riechen kann. Menschen verschiedener Alterstufen, unterschiedlicher Lebensweisen und in verschiedenartigen Beziehungen werden dargestellt. Menschen in familiären Bindungen, als Kinder, Eltern und Großeltern, als Liebespaare und als Paare im Streit. Menschen in ihrem beruflichen Alltag, in Freude,  Glück und Trauer, in Macht und Ohnmachtpositionen. Es gibt Photos von Babies und Kleinkindern in warmer und geborgener Atmosphäre, von Kindern, die munter ihre Umwelt erkunden, von Kindern, die von Vätern, Müttern oder Großeltern liebevoll angenommen sind, aber auch Photos von geängstigten Kindern oder von hungernden Kindern aus den Armutsregionen unserer Welt und von Kindern, die allein und verlassen sind. Andere Photos zeigen größere Kinder und Jugendliche in der Gruppe Gleichaltriger oder  allein ihrer Wege gehend.

 

Männer erkennen sich in Selbstportraits von Egon Schiele, Heinrich Vogeler und Armedeo Modigliani oder in Portraits von Joseph Beuys, Samuel Beckett, Marc Chagall und Albert Einstein wieder sowie in Photos von den Schauspielern James Dean, Gerard Depardieu oder den Musikern Glenn Gould, Miles Davis. Nachdenklichkeit verkörpert ein Photo, das Philippe Haslmann von Marc Chagall gemacht hat, Zurückgezogenheit und depressive Haltung drücken sich in einem Portrait von Samuel Beckett (Jerry Bauer) aus. Stützende Zuwendung wird in einer Aufnahme erlebt, die Kurt Schumacher zeigt, der sich beim Gehen mit seinem Arm auf Herbert Wehners Schultern abstützt. Ein Bild des Managers Helmut Werner verkörpert nachdenkliche und zugleich zupackende Haltung. Das Photo eines alten Mannes aus Griechenland wird als Ausdruck von Altersweisheit und Genussfähigkeit gewählt, Männer an einem bayerischen Stammtisch stehen für Lebensgenuss, ebenso das Photo eines alten Mannes, der gemütlich seine Pfeife raucht. Ein Reiter im Turnier und ein Golfspieler repräsentieren sportliche Aktivitäten, ein junger Mann, der im Skisprung Spagat macht, ist das Sinnbild grenzenloser Vitalität. Alltag und Berufsausübung und das damit verbundene Selbstverständnis werden u.a. durch Photos charakterisiert, die einen Fischer beim Flicken seiner Netze zeigen, Arbeiter an ihren Maschinen in einer Fabrik oder einen Beamten an seinem Schreibtisch. Andere Darstellungen zeigen Männer in ihren familiären Beziehungen: Als Liebende, als Partner, als Väter mit ihren Kindern, als Großväter mit den Enkeln.

 

Das Thema männlicher Macht und Führung wird durch Herrscherdarstellungen aus früheren Zeiten sowie durch Photos von Politikern der heutigen Zeit aufgenommen: eine Statue von Marc Aurel in Herrscherpose,  Portraits von Richelieu, Ludwig XIV., Papst Leo X. sowie Francois Mitterand, Herbert Wehner, Robert Schumann und Franz-Joseph Strauß. Unheimliche und bedrohliche Seiten werden in einem Photo von Mario Giacomelli  „Scanno“  erlebt, das eine Gruppe von vier schwarzgekleideten Männern zeigt. Versteinerung und Rückzug aus Beziehungen stellen ein Photo aus dem Wiener Museum für moderne Kunst dar: eine junge Frau sitzt, kaffeetrinkend, einer Männerfigur aus Gips gegenüber. 

 

Bei der Suche nach Material fiel uns auf, dass unsere noch immer übliche Rollenzuschreibung die Photoauswahl für Männer wie für Frauen erheblich einengt. Es bereitet keine Schwierigkeit, Frauen in den traditionellen Rollen der Mutter und Geliebten zu finden, kaum aber in Macht und Führungspositionen. Bei Männern hingegen werden Weichheit und Verletzlichkeit eher in Selbstportraits als in Photos aus Zeitungen und Zeitschriften ausgedrückt.

 

Bei den Impressionisten und Postimpressionisten findet man eine Fülle unterschiedlicher Frauendarstellungen. Außerdem  zeigen Gemälde  von Paula Modersohn-Becker, Otto Dix, Heinrich Vogeler, Max Liebermann, Gustav Klimt, Francisco de Goya, Salvatore Dali, Frans Hals eine große Bandbreite von Frauengestalten, um nur einige zu nennen. Besonders hinweisen möchten wir auf die Selbstportraits von Frieda Kahlo, die als Sinnbild für das Bemühen um Lebensbewältigung auch bei schwerster körperlicher und seelischer Verletzung gewählt werden. Photos, die Luisa Francia darstellen, ermöglichen Frauen einen Zugang zu eher archaischen Selbstanteilen. Ein Gemälde von Diane de Poitiers und Aufnahmen von Schauspielerinnen wie Marilyn Monroe und Liz Taylor bieten Identifikationsmöglichkeiten auf erotisch-attraktiver Ebene; ein Portrait von Greta Garbo wird als Ausdruck von makelloser Schönheit, Verinnerlichung, Rückzug und Vereinsamung gewählt. Nina Hagen steht dagegen meist für Vitalität und die Fähigkeit, sich in der Öffentlichkeit darzustellen. Gemälde von Herrscherinnen wie Queen Victoria oder Katharina von Medici repräsentieren den Machtbereich, die Darstellungen der Martha Vogeler eher die versonnenen, weichen Frauenseiten. Bilder von berufstätigen Frauen im modernen Umfeld spiegeln die Aspekte von Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und Sinngestaltung außerhalb familiärer Beziehungen.

 

In zwei Bildern unserer Sammlung wird die Sorglosigkeit gegenüber einschränkenden Normen thematisiert: in dem Photo einer alten Frau, die genüsslich Zuckerwatte schleckend spazieren geht (Philippe Salüan) und in dem Photo einer „Akkordeonspielerin in Paris“ (Viktor Macaral). Diese Darstellungen, obwohl auf Frauen bezogen, werden aufgrund ihrer Thematik auch von Männern für sich selbst gewählt; sie stellen Wunschbilder dar, wie manche Männer und Frauen gern sein möchten. Von Männern und Frauen gleichermaßen begehrt - als Ausdruck unverschämter Lebenslust und herrlich ungebührlichen Benehmens - ist die Photographie eines Pelikans, der in einem Strandcafe einer griechischen Insel mitten auf dem gedeckten Kaffeetisch steht.

 

Lebenslust und Lebensgenuss werden auch durch Bilder von südländischen Märkten mit ihren überquellenden Tischen voller Gemüse und Obst und durch Photos von feiernden Menschen repräsentiert. Spielkarten, Würfel und Schachfiguren können sowohl die Unwägbar­keit des Schicksals wie auch  menschliche Pfiffigkeit und Klugheit aus­drücken. Halbedelsteine werden wegen ihrer unterschiedlichen Formen und Farben zur Charakterisierung von menschlichen Eigenschaften benutzt. Wenn der große Leuchter aus Schmiedeeisen zur Beschreibung eines Menschen verwandt wird, können unterschiedliche Eigenschaften herausgehoben werden: Die von der brennenden Kerze ausgehende Leuchtkraft und Wärme, das  Material, aber auch seine Starrheit, müssen als Hinweise auf entsprechende Eigenschaften in Betracht gezogen werden.   

 

Als Sinnbild für Aufbruchwillen, Lebendigkeit und Kraft werden meist Natur- oder Tierdarstellungen gewählt z.B. Wasserfall, hohe Wellen oder Feuer, Pferde im Galopp oder auch durchgehende Pferde. Angstthematik wird im Schrei von Edvard Munch, den Höllenszenen von Hieronymus Bosch und in einem aus Felsen gestalteten "Höllenschlund" im Park von Bomarzo in Umbrien ausgedrückt. Vergänglichkeit wird in sehr beängstigender Weise in Matthias Grünewalds Gemälde "Les amants trespassées" deutlich, der Darstellung eines hageren, von Würmern zerfressenen Greisenpaares. Die Themen Aggression und Kraft werden häufig durch die gleichen Symbole aufgenommen und je nach Ausmaß ängstigend oder stärkend erlebt. Sie werden durch Wildwasser, Vulkane, Sandstürme und insbesondere durch Tiere symbolisiert:, z.B. durch Panther, Löwen, Tiger. Die Skulpturen von Tierkämpfen in den Kapitolinischen Museen in Rom, alte Stiche und Darstellungen von Hieronymus Bosch bieten reiches Material.

 

Aggressivität unter Menschen zeigt sich auf Photos von Hooligans in Drohgebärde wie auch auf Kriegsphotos. Eine Filmaufnahme von zwei gefesselten Männern (Indiana Jones) wirkt als Sinnbild der Ohnmacht gegenüber fremder Gewalt, aber auch der eigenen Begrenzung durch innere Fesseln.  Außerdem wird Aggressivität  unter Menschen in Photoreportagen gezeigt. Es entspricht wohl unserer Erfahrung, dass die menschliche Aggressivität, anders als bei Tieren, selten als konstruktive Kraft empfunden wird. Meist wird sie eindeutig negativ und zerstörerisch erlebt, während die Aggressivität der Tiere als Mittel zum Überleben und zur Arterhaltung verstanden wird.

 

Sexualität und Erotik werden durch vielerlei Kunstkarten, Photographien  und Statuen dargestellt - wobei die Bilder des weiblichen Aktes von Schiele  (mit sichtbarer Vagina) zugleich angstauslösend wie angstreduzierend wirken können. Erschreckend für Patienten kann es sein, sich solchen Bildern überhaupt gegenübergestellt zu sehen, erleichternd wirkt, dass sie nicht selbst solche „obszönen“ Bilder einbringen müssen, da für die Bereitstellung des Materials die Therapeuten verantwortlich sind. In solchen Situationen muss besonders damit gerechnet werden, dass die Art des Materials, das die Therapeuten zur Verfügung stellen, auch entsprechende Übertragungen auslöst.

 

Lebenssituationen und Lebenserfahrungen können sich in Darstellungen von Landschaften und Wegen, durch Bäume, Pflanzen und Häuser spiegeln, wobei es Landschaftsmotive mit relativ eindeutiger und solche mit mehrdeutiger Aussagekraft gibt. Ein Regenbogen wird meist als Hoffnungs- und Versöhnungszeichen erlebt, ein frisch gepflügtes Feld als Zeichen eines möglichen Neubeginns empfunden, eine grau-grünliche, schwerlastende Gewitterwolke im Gebirge deutet auf die Bedrohung durch Naturgewalten hin. Nebelbänke über einem Fluss können dagegen sowohl  als ängstigende Undurchsichtigkeit wie auch als geheimnisvolle Kräfte über den Wassern verstanden werden. Ebenso kann das Photo eines Gebirgszuges als Bild von Sicherheit und Unerschütterlichkeit und als unüberwindliches Hindernis angesehen werden.

 

Als Selbst- und als Objektrepräsentanz können u.a. Bäume gewählt werden: Große, bergende Bäume mit weitem Laubdach symbolisieren in der Regel Menschen, die Schutz und Halt geben, ebenso Olivenbäume, deren dicke knorrige Stämme auf hohes Alter und Unverwüstlichkeit schließen lassen. Bäume, die der Sturm zerbrochen hat, mit offener Wunde und neuen Austrieben, werden oft zur Kennzeichnung der Fragilität und deren möglicher Bewältigung gewählt.

 

Als Selbstrepräsentanz und als Ausdruck eines Lebensgefühls versteht Leuner (1994)  das Motiv des Hauses.  Klessmann und Eibach (1993) zeigen die  Bedeutung des Hauses in unterschiedlichen Lebensphasen. Um der Vielfalt der Hausdeutungen auch in unserer Arbeit gerecht zu werden, haben wir uns um eine Auswahl verschiedenartiger Hausdarstellungen bemüht. Als Ort der Geborgenheit und des sicheren Fundaments werden häufig die Photos von alten Bauernhäusern gewählt. Ruinen, von Efeu umwachsen, gelten trotz ihres Zerstörungszustandes als Zeichen von Unverwüstlichkeit. Ein romanischer Turm, hinter dem Bewuchs kaum mehr erkennbar, wird sowohl zur Kennzeichnung von Schutz und Geborgenheit als auch, in der Charakterisierung von Menschen als Zeichen von Unzugänglichkeit gewählt. Die Villen von Palladio dienen häufig der Charakterisierung von Vätern, die in der Beziehung schwer erreichbar waren, die aber Sicherheit und Zuverlässigkeit garantiert haben; sie werden fast nie zur Beschreibung von Müttern benutzt. Häuser im Aufbau kennzeichnen in der Selbstbeschreibung oft einen inneren Neubeginn. In der Akzentuierung einer Lebensphase bedeuten sie Aufbruch, aber auch Unsicherheit über den weiteren Weg. Kreativität, Verspieltheit und Lust an heiterer Lebensgestaltung werden durch das Hundertwasserhaus in Wien ausgedrückt.

 

Den Häusern ähnlich, aber mit eigener Aussagekraft, sind Tür- und Fensterdarstellungen. Sie deuten auf offene, halboffene oder verschlossene Zugänge, die sowohl zur Beschreibung eigener Wesensart wie auch der anderer Menschen eingesetzt werden. Goldene Käfige, offene Käfige und Käfige mit Schlössern lösen eindeutige Assoziationen aus, die sich ja auch im Sprachgebrauch niedergeschlagen haben wie:  „Sie lebt in einem goldenen Käfig".

 

Auf die Bedeutung des Wassers geht Leuner (1994) ausführlich ein. Ob eine Quelle frei sprudelt oder einbetoniert ist, ob Wasser in einem Bach ruhig dahinfließt oder sich reißend als Wildbach seinen Weg sucht, ob ein Wasserfall tosend aus der Höhe herabfällt, all das löst bei Menschen Gefühle aus, die ihrem grundsätzlichen oder momentanen Lebensgefühl entsprechen. Wir haben darum in unsere Sammlung Photos von kleinen und größeren Bächen, von Seen, verschiedenen Wasserfällen, von einem aufgestauten Wehr, Wildwassern, einem offenen und einem vereisten Fluss aufgenommen. Ergänzt werden sie durch Meeresaufnahmen bei ruhiger und  stürmischer See.

 

Unter dem  Material gibt es Schlösser mit Schlüsseln und solche ohne Schlüssel. Beide deuten auf  Problemsituationen, deren Lösung noch ansteht. Manchmal werden auch Schlösser mit nicht dazu passenden Schlüsseln gewählt, um zu verdeutlichen, dass die bisher versuchten Lösungen unangemessen waren.

 

Klessmann und Eibach (1996) sind der Bedeutung der unterschiedlichen Wege nachgegangen: Scheidewege, Wegkreuzungen, Irrwege, Pilgerwege. Wir haben in unserer Symbolsammlung die Thematik ebenfalls aufgenommen und Photos von geradlinigen Wegen, Wegen mit Hindernissen, Alleen, Wegkreuzungen, und Photos von Aufgängen und Abstiegen gesucht. Straßenschilder bieten reichhaltige symbolische Aussagen: „Einbahnstraßen", „Stop" und „Durchfahrt verboten" haben eindeutige Botschaften.

 

Tiere werden sehr unterschiedlich erlebt und ausgewählt. Ein Gorilla ist einerseits Ausdruck unbändiger Kraft und bedrohlicher Aggressivität und dient andererseits zur Charakterisierung behütender, starker Familienväter. Schlangen sind ängstigende Symbole für Verführung und Verführbarkeit, aber auch Symbole für Weisheit oder für  Neubeginn im Hinblick auf ihren Häutungsprozess. Spinnen können Repräsentanzen „auffressender“ oder vereinnahmender Bezugspersonen sein, aber auch als Kraft verstanden werden, sich mit eigenen Möglichkeiten einen Lebensraum zu schaffen. Raubtiere wie Panther, Löwen, Adler, Wölfe repräsentieren in der Regel Kraft und Aggressivität, Schwänen wird Schönheit, Autonomie und Aggressivität zugeschrieben; Igel repräsentieren Verletzlichkeit und Wehrhaftigkeit.

 

Haushaltsgegenstände wie Hammer, Beißzange, Messer und Messerschleifer werden als Symbol für Aggressivität, Destruktivität, Stärke und Kraft, Bissigkeit und handwerkliches Können ausgewählt. Schmuckstücke, Kosmetik, Felle, Wolle und Stoffe verdeutlichen u.a. Schönheit, Körperbewusstsein, Weichheit und Geborgenheit. Uhren werden bei Charakterbeschreibungen oft zur Kennzeichnung  übertriebener Arbeitshaltung und Unfähigkeit zur Gelassenheit eingesetzt. Positiv bewertet können sie Korrektheit und Zuverlässigkeit symbolisieren. Die Sanduhr ist zunächst schlicht Zeitmaß, im übertragenen Sinn auch Bild der ablaufenden Zeit und damit der Endlichkeit. Sie kann auch Kennzeichnung von Langsamkeit, Beschaulichkeit oder Nachdenklichkeit sein. Waagen dienen der Beschreibung von Charaktereigenschaften: Positiv weisen sie auf Gerechtigkeit und Ausgeglichenheit, negativ auf Zwang zur Harmonie und auf Unfähigkeit zur Auseinandersetzung. Wird die Waage in der alten Symbolik der Justitia zur Beurteilung von Schuld und Unschuld gewählt, geht es häufig um eine eigene existentielle Schuldproblematik, die über den oft verflacht gebrauchten Begriff der Schuldgefühle hinausgeht. Ein Spiegel, der in der Mitte einen Sprung hat, wird zur Charakterisierung der eigenen Person wie der anderer Menschen gewählt und dann zur Darstellung gebrochenen Selbstbewusstseins benutzt. Ein heiler Spiegel dient zwar auch als Ausdruck der Selbstspiegelung, erhält dann aber häufig eine abwertende Tönung: Freude an eigener Schönheit gilt als unerlaubte Eitelkeit.

 

Zum Sprachgebrauch ist zu sagen, dass wir die Begriffe „Gegenstände“ und „Material“ verwenden, solange die Dinge im Raum zur Auswahl zur Verfügung stehen, und den Begriff „Symbol" erst dann benutzen, wenn die bis dahin neutralen Gegenstände durch die Besetzung mit Emotionen zu Symbolen geworden sind.  Ergänzend möchten wir noch darauf hinweisen, dass es besser ist, nicht nur hoch besetztes Material anzubieten, sondern auch Gegenstände zur Verfügung zu stellen, die nicht von vornherein bedeutungsvoll erscheinen, damit es nicht zu einer emotionalen Überflutung kommt. Blumen, Holzstücke, Rindenteile,  Wollfäden, Murmeln aus Ton und aus Glas und sogenannte "unschöne" Steine vom Straßenrand eignen sich hierfür besonders. Zudem können ohnehin alle Gegenstände im Raum, und wenn nötig und möglich, auch von der Straße und aus dem Garten in die Wahl der Symbole mit einbezogen werden.

 

 

2.5. Wieviel Material wird benötigt? Wie wird aufgebaut?

 

Gegenstände, Karten und Photos liegen im Therapiezimmer auf Regalbrettern, in Körben und in einem offenen Glasschrank. Im Gruppenraum sind sie auf Tischen ausgebreitet. Wir legen jeweils so viel Material aus, dass ein einzelner Mensch nicht davon über­schwemmt wird, aber die Auswahl groß genug ist. In dem Raum, in dem wir mit Paaren, Familien, mit Gruppen oder in der Supervision arbeiten, ist die Anzahl der Gegen­stände notwendigerweise größer. Besonders dann, wenn mehrere Menschen ihren Familienstamm­baum, Selbst- und Partnerbilder oder ein „Soziales Atom", d.h. ihr Bezie­hungsgefüge, nach Moreno (1951), erstellen wollen, muss eine reichhaltige Auswahl vorhanden sein. Andererseits kann auch bereits mit sehr wenigen Symbolen ergiebige Arbeit geleistet werden, wie wir unter 4.1. beschrieben haben und wie es das Beispiel „die edle Tarnung“ (s. S. 57) zeigt.

 

Bezüglich der Anordnung des Materials möchten wir auf zwei Aspekte beson­ders eingehen. Wir haben beobachtet, dass es sich auf die Entspannung und die emotio­nale Erleb­nisfähigkeit ungünstig auswirkt, wenn gleiche Themen kon­zentriert an einer Stelle aufgebaut wer­den, auch wenn sie durch unterschiedliches Ma­terial repräsentiert sind. Beim An­schauen und Aussuchen entsteht dann ein kognitives Abwägen, das die Gefühle eher zurückdrängt und den in­neren Raum für Assoziationen beeinträchtigt. Der zweite Aspekt betrifft die flächen- und höhenmäßige Anordnung und die damit verbundene Wirkung von Ruhe oder Unruhe. Ungeglie­derte Flächen wirken nicht nur leblos, sondern können auch zu Spannungen und Verun­sicherungen führen. Boesch (1983)  hat festgestellt, dass von ungegliederten Flächen, dem leeren Meer oder der Steppe, ein Gefühl der Bedrohung ausgehen kann. Wir haben den Eindruck, dass wir diese Beobachtung auf unsere Auslagentische übertragen können, da wir Spannungen erlebt haben, wenn die Flächen keine Strukturierungen aufweisen, während Ruhe und Gelassenheit entstehen, wenn strukturierende Elemente vorhanden sind. Bei der Anordnung sollten diese beiden Gesichtspunkte zur Förderung einer hyp­noiden Entspannung berücksichtigt werden.

Ein weiterer Aspekt, der in bezug auf positive eventuell auch idealisierende Übertragung bedacht werden sollte, betrifft die  Fülle des Materials. Die im Raum ausgebreiteten Ge­genstände lösen Phantasien und Erinnerungen an Gabentische aus und führen zu entsprechenden Übertragungen. Darauf ist ein Seminarteilnehmer eingegangen, der uns schrieb, er habe die mit den Gegenständen belegten Tische wie Gabentische erlebt, „wie bei Kindergeburtstag oder Weihnachten“. Es habe ihn angerührt, dass so viel Material „für ihn allein“ zur Verfügung gestellt worden sei, „um ihn zu begreifen“. Die Bemerkung  zeigt, dass Erinnerungen an Kinderzeiten, auch an Wünsche, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, oder die Erfüllung nie erlebter Sehnsüchte durch die „gedeckten“ Tische geweckt werden.